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Im zentralen Teil des asiatischen Kontinents, im Nordosten des gebirgigen Altai erstreckt sich eines der großten Naturschutzgebiete unseres Landes— das Altai-Naturschutzgebiet. Es wurde zu Beginn der dreißiger Jahre gegrundet, als in Westsibirien, auf Kamtschatka, in der Ussuri-Region ein ganzes Netz großer Taiga-Naturschutzgehege entstand, deren Ziel es war, die typischen, fur diese Gebiete charakteristischen Abschnitte einer unberuhrten Natur zu erhalten und die Aufzucht besonders wertvoller Tiere, vor allem aber des Zobels, zu vergroßern. Von den Ostufern des Telezkoje Sees bis zu den Gipfeln der Schapschal und der Abakan-Gebirgskette, die den Oberlauf des Ob und des Jenissei teilen, erstreckt sich das Aitai-Naturschutzgebiet mit einer Flache von 864 km
Rauh und sehr urwuchsig ist die Natur in dieser Gebirgsgegend. Majestatische kahle Felsspitzen mit ihren weißen Mutzen aus Schnee und Eis erheben sich hier, Gebirgstundra und jungfraulich unberuhrte Kiefernwalder bestimmen das Bild.
Die Perle des Altai heißt man den Telezkoje See, das Nordtor zu diesem Naturschutzgebiet. Den Namen verlieh ihm der Altaistamm der Telessen, die seit alten Zeiten seine Ufer bewohnten. Ein anderer Name dieses Sees—Altyn-Kol (der Goldene) ist mit einer alten Legende verbunden, die davon zu berichten weiß, wie einst in seine Wasser ein Brocken gediegenen Goldes geworfen wurde.
Der Altyn-Kol ist einer der malerischsten Gebirgsseen Sibiriens. Trotz seiner bedeutenden Große — er ist uber siebenundsiebzig Kilometer lang bei einer Breite bis zu funf Kilometern — von aufragenden Steilfelsen gerahmt, wirkt er aus der Ferne zierlich und klein.
Besonders schon ist der See bei klarem ruhigem Wetter, wenn sich in seinen Wassern die Uferwalder, die Berge und das Blau des Himmels spiegeln.
Bei Nord- und Sudwinden verwandelt sich der See, auf seiner Oberflache krauseln sich Wellen und die schweren Wolken, die uber den Schluchten hangen, scheinen mit seinen dunkelnden Wassern zu verschmelzen. Es ist haufig windig hier, im Fruhling und Herbst sturmt es fast ununterbrochen. Den Sommer begleiten gewohnlich starke Gewitter. In das Grollen des Donners mischt sich mitunter der Larm sturzender Ufersteine, die dem Drangen der Wellen nicht standhalten, und dann wirken die Berge in den aufleuchtenden Blitzen wie heulende Fabeltiere aus uralten Marchen.
Hart ist der sibirische Winter. Doch nicht immer reicht seine Kraft aus, um den Telezkoje See in Eis zu schlagen, der sich dann in ein sturmisches Meer verwandelt. Wie in einem glutheißen Kessel siedet dann das Wasser in der steinernen Schlucht. Wilde Winde werfen mit aller Kraft die Wellen an die felsigen Ufer und verwandeln sie in wundersame Berge aus Eis. Wie verzaubert erstarren die vielzahligen Wasserfalle.
Uber siebzig Flusse munden in den See, doch nur die schone Bija, einer der Quellflusse des Ob, verlaßt ihn. Alle Flusse frieren im Winter zu, doch die Bija bedeckt kein Eis. Selbst um diese Jahreszeit kann man auf ihren Wellen die Schellenten, Stockenten und Sager beobachten. Den Hauptteil des Naturschutzgebietes nehmen Gebirgsketten ein. Die wichtigsten sind die Abakan-Kette mit dem Sadon-Kaja (2750 m), die Korbu-Kette (2100 m), die Schapschal-Gebirgskette (3500 m) und einige Gebirgsketten im Tschulyschman-Flußbecken, dem großten Zufluß des Telezkoje Sees. Wenn man einen der Gipfel besteigt, so bietet sich dem Auge ein majestatitsches Gebirgsland dar. Die Felsbrocken rundum gemahnen an Wellen, die ein starker Sturm erstarren ließ. Nicht von ungefahr tragt ein Abschnitt der Abakan-Gebirgskette den Namen Kol-Taiga, Gebirgsmeer, Hier nehmen Dutzende große und kleine Flusse ihren Anfang, deren Quellen Kamme oder abfallende Gebirgssattel durchschneiden. Die Gipfel der nackten Felsspitzen bilden steinerne Aufschuttungen. Weiter unten wechseln sie ab mit Hochgebirgstundra.
An den abfallenden Hangen und in den Gebirgssatteln herrscht die schottrige Flechtentundra vor. Hier wachsen die Rentierflechte und Silberwurz, ein eigenartiger Strauch, der uber das Erdreich sich hinziehend wachst, sowie Zwergbirken; einige Abschnitte bedeckt weiches schones Moos. Die Gebirgstundra nimmt ungefahr 60 Prozent der Gesamtflache ein, ungefahr 40 Prozent sind bewaldet, und nur eine ganz geringe Flache ist den Hochgebirgsalmen und Steppengebieten vorbehalten. In den Waldern sind Larche, Zeder, Fichte, Tanne, Birke und Espe am verbreitetsten. Das Naturschutzgebiet ist reich an Strauchwerk. In den Felsschluchten an Steilhangen wachst der daurische Rhododendron, hier als Maralstrauch bekannt. Im niedrigen Geholz am Waldesrand auf den Hangen findet man das dichte Strauchwerk der Himbeere, schwarzer und roter Johannis beere, des Schneeballstrauchs und des Geißblatts. In der Taiga gedeihen Faulbeerbaum, Eberesche, Heckenrose und andere Pflanzen, die dem Menschen wertvolle Fruchte liefern. In den Tschulyschman-Niederungen kann man auch dem Weidendorn begegnen...
Einmalig sind in ihrer Schonheit die bluhenden Almen und Taigawiesen, hohe Graser schmucken die Flußtaler und selbst hoch in den Bergen, neben den mit ewigem Schnee bedeckten Gletschern bluhen in all ihrer Pracht Himmelschlussel, Enzian und die Trollblume. Die Fauna tritt in diesem Naturschutzgebiet nicht hinter dem Reichtum und der Vielfalt der Flora zuruck.
In der Taiga leben Zobel, Braunbar, Eichhornchen, Erdeichhornchen, Altai-Pfeifhase, Hermelin, Wiesel, in den Niederungen der Mischwalder hausen Dachs, Fuchs, sibirischer Marder und Polarhase und in den Tschulyschman-Steppen die Eversmannsche Zieselmaus. Von großem Wert sind die Huftiere — Maral, großer sibirischer Hirsch, Elentier, Reh, Moschustier, sibirischer Steinbock und das sehr seltene Argalischaf. Im Naturschutzgebiet zahlt man ungefahr dreihundert Vogelarten, unter ihnen Auerhahn, Haselhuhn, Tannenhaher, viele Arten kleiner Spatzen, Schnepfen und Wasservogel. Wenn große Schwarme von Wildgansen und Enten den Telezkoje See und das Tschulyschman-Tal uberfliegen, machen sie hier Rast. Ein typischen Bewohner des Hochgebirges ist das Altai-Konigshuhn. Im Fruhling und im Herbst kann man im Naturschutzgebiet Kranich- und Singschwanzuge beobachten. Im Teiezkoje See und in den Flussen leben wertvolle Fische: sibirischer Lachs, Asche, Renke. Das Naturschutzgebiet ist ein echtes wissenschaftliches Laboratorium, eine große Forschungsstatte unmittelbar in der Natur, wo wissenschaftliche Untersuchungen durchgefuhrt werden.
Die Forstwirte, denen diese Beobachtungen obliegen, und die wissenschaftlichen Mitarbeiter liefern an den Spezialfond des Naturschutzgebietes viel Information, in der Begegnungen mit Tieren, Zugvogeln und die Anzahl der Jungtiere registriert werden. Nachdem diese Angaben von Fachleuten, Zoologen, Botanikern und Meteorologen bearbeitet werden, dienen sie als wichtige Erganzung zur „Chronik der Natur",—einem Buch, das dazu beitragt, die Gesetzmaßigkeiten der verschiedenen Erscheinungen und ihrer Schwankungen festzustellen. Die hier gesammelten Materialien werden von den Fachleuten der verschiedenen Volkswirtschaftszweige genutzt—von all denen, deren Arbeit mit der Erschließung der Naturressourcen verbunden ist. |